Autor: Onkel Markus

Yours Truly liest vor…

Hin und wieder kann man ja auch mal was für andere tun. Vor allem, wenn man so lieb gebeten wird, wie ich kürzlich von Schreiber-Kollege Frank Hebben: “Ey, ich brauch ma Hörbuch. Coole Geschichte, hier ist der Text!” ^^

So war ich denn so nett, für ihn die diesjährige Siegergeschichte des Deutschen Science-Fiction-Preises zu vertonen. Ergebnis hier nachzuhören:

Michael K Iwoleit: Im Netz der Geächteten

Viel Spaß damit!

 

(Und ja… es ist immer wieder komisch, seine eigene Stimme zu hören… o.O)

Aus der harten Welt der Buchberäucherungsstudentinnen

Die schlechte Nachricht zuerst: Noch immer ist viel Zwist in der Welt.
Zum Beispiel jener typische Hader mit sich selbst, den man hin und wieder hat, morgens gegen fünf, halbwach überlegend, ob man dem noch eher piepsigen, aber nichtsdestotrotz deutlich vernehmbaren Ruf der Natur folgen und zum Pinkeln aufstehen soll oder lieber nicht. Dezente Beimengungen von in einer Stunde klingelt der Wecker sowie genau wissen, dass man, wenn man erstmal aufgestanden ist, ohnehin nicht wieder wird einschlafen können, solchermaßen also mit rechter Sicherheit mindestens einer ganzen Stunden kostbaren Schlafes verlustig geht, verleihen dem ganzen Krisencharakter.
Manch einer liebäugelt in solchen Momenten womöglich  spielerisch mit dem Gedanken eines störrischen kleinen einfach Liegenbleibens. Eine tapfere Geste leeren Revoluzzertums. Denn schlafen kann man dann eh nicht mehr, wenn man die ganze Zeit denkt: “Ich muss zwar, aber ich geh jetzt nicht! Einfach nur, um zwischendurch mal wieder zu zeigen, wer hier verdammt nochmal das Sagen hat!” Und die Blase würde es erstmal hinnehmen wie eine gute Ehefrau, leise lächeln und nix sagen und es dann, so wissen wir alle ganz genau, zu gegebener Zeit heimzahlen, demnächst im Auto auf der A61, kurz hinter Koblenz, wenn es noch eine Stunde bis nach Hause ist. War es das jetzt wirklich wert, Schatz? In der gehässigen Welt der Körperfunktionen bleibt nichts ungesühnt.
Meistens ist man an diesem Punkt von dem ganzen Gehadere mit sich selbst allerdings bereits so wach, dass es eigentlich sowieso keine Rolle mehr spielt. Man steht also auf. Pinkelt. Im Dunkeln. Kriecht wider besseren Wissens ins Bett zurück. Wälzt sich grimmig. Schläft irgendwann dann doch wieder ein. Drei Minuten später klingelt der Wecker. Genuine Fuck!-Moment.
Man brummelt sich mißmutig wieder aus den Federn und weiß jetzt für einen sich wie ein Filmtrickkorridor in die Länge ziehenden Augenblick nichts Rechtes mit sich anzufangen, denn Pinkeln war man ja schon. Ein in ebensolchen Augenblicken aus nackter Desorientierung –  ja, sie ist sehr nackt und kalt und monolithisch, diese Desorientierung, wie ein extrem stylisierter, aus Aluminium nachgebauter und im Innenhof eines Berliner Instituts für Totalitarismusforschung aufgestellter Felsen von Gibraltar in einer sehr muffigen und kalten Morgendämmerung – also, ein aus genau einer solchen geborener, folglich für die Postmoderne recht typischer existentieller Unmut bemächtigt sich des solchermaßen Geplagten. Alles Durcheinander, und sowas soll man geordnet bekommen mit viel zu wenig Schlaf? Ein Desaster!
So manch einer beginnt daher den Tag übellaunig und mit einer unterschwelligen Antipathie gegen die Schöpfung und gründet spontan paramilitärische Gedönsgruppen oder rückwärtsgewandte Parteiengebilde. Kleine Ursache, hässliche Wirkung. Auch, wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, ob Hannah Arendt gerade sowas meinte mit ihrer “Banalität des Bösen”.
Dummerweise kann man sie nicht mehr fragen, denn sie ist gerade rechtzeitig gestorben, um all das nicht mehr miterleben zu müssen. Und ihre heutigen Exegeten sind wahrscheinlich durchweg hornbrillige, in punkto Harndrang-Totalitarismus-Zusammenhangsforschung eher auskunftsunwillige Gesellen, die dauernd Pfeife schmauchen und überhaupt exakt so aussehen wie die unsexy Lateinlehrer, in deren Unterricht in den 70er-Jahre-Sexfilmchen immer die Minirockbackfische saßen, während sie vom sehr, sehr viel sexieren jungen Erdkundelehrer träumten. Genau weiß ich’s freilich nicht, so wichtig war mir das dann jetzt auch wieder nicht, als dass ich da tiefergehende Recherche betrieben hätte. Aber zumindest in dem Film über Hannah Arendt, den ich einmal sah, war das so. In den Hörsälen, Bibliotheken, Büros, ja selbst auf Flughäfen oder privaten Cocktailpartys sahen einfach alle so aus: Aus Pfeifen und Hornbrillen zusammengedengelte Lateinlehrer, so weit das Auge reichte.
Aber vielleicht ist das auch nur die allgemein von wenig Sachkenntnis getrübte Hollywood-Vorstellung vom Philosophen-Lifestyle – Filmleute sind ja oft eher schlichte Gemüter bzw. arbeiten im letzten Sinne für solche, also für ein Publikum, da versuchen sie wohl besser, allzu überfordernde Differenziertheit in der Ikonographie zu vermeiden. Wahrscheinlich war es schon ein Glück, dass Hannah Arendt nicht auch die ganze Zeit eine Hornbrille getragen hat.
Dafür hat sie die ganze Zeit Zigaretten geraucht, was wohl als etwas verstaubte Symbolik für ihren rebellischen Intellekt zu deuten ist. So als Remineszenz an die Gruppe 47 oder sowas, denn Intellektuelle wurden ja damals und für lange Zeit grundsätzlich nur rauchend gezeigt. Wahrscheinlich war es für Nichtraucher bis ca. 1975 gar nicht erlaubt, eine akademische Karriere anzustreben. Wer bei den Profis mitdenken wollte, der wurde nach Ankunft in den nach anderen berühmten Rauchern benannten Lehrstätten zuallerest mal wortlos beiseite gezerrt, in ein winziges Zimmer mit extra dick verrauchten Vorhängen gesteckt und musste unter Aufsicht inert einer Stunde eine Packung “Kurier” oder “Peer Export” wegquarzen. Wer das nicht schaffte, dessen Aufsätze wurden sofort ungelesen verbrannt, und der oder die Verschmähte musste stattdessen zum Fernsehen gehen, da wurde auch damals schon gelegentlich nicht geraucht, wiewohl nur als Inselphänomen für Medienschlaffis. Echte Philosophenhirne schwammen stets knietief in Nervengift, das spürt man ja auch heute noch in jeder scharf geschnittenen Zeile eines Camus oder Baudrillard, selbst in modernen Nachdrucken wirken die Sentenzen noch irgendwie genialisch verqualmt – wahrscheinlich werden sie seitens der Verlage vor Auslieferung noch mal extra von Horden jung seiender und das Geld brauchender Philosphiestudentinnen mit Retro-Glimmstengeln französischer Machart tüchtig authentizitätsberäuchert und dann zack! Aus der Wolke direkt in die Folie! Die Studentinnen machen vor der nächsten Charge eine Nichtrauchpause, sitzen mit ihren pinkfarbenen Feinstaubjäckchen und aus grellgelben Cordröcken hervorguckenden Knubbelknien auf dem Laderampenmäuerchen und googeln “Lungenemphysem” auf ihren Smartphones, aber nur so zur Info, natürlich bleiben sie trotz allem, denn sie sind wie gesagt jung und sie brauchen wie gesagt das Geld. Wer könnte es ihnen vorwerfen? In der gnadenlosen Buchberäucherungsbranche gibt es keine zweiten Chancen.
Wenn Sie demnächst also eine fürchterlich hustende, aber ansonsten kluge und adrette junge Frau mit allerdings recht hässlich nikotingelben Fingern sehen, wissen Sie jetzt: Aha, Husten und Finger sind nicht etwa Zeugnisse durchgerauchter Nächte in dunstigen Edel-Kaschemmen oder gar Dutzender schamloser Zigarette-danach-Zigaretten, die auf muffigen WG-Matrazen geraucht und anschließend in mit Wasser gefüllten Granini-Fruchtsaftflaschen zischend gelöscht wurden. Nein, sie war einfach nur jung und brauchte das Geld und hat fleißig den Camus oder Baudrillard authentisch gemacht! So entschwindet zumindest ein hässliches Vorurteil aus der Welt. Die Philosophenfinger und -vorhänge vergilbten in der Originalepoche derweil unbemerkt, denn die Fotos waren alle in Schwarzweiß. Die harte Welt der Philosophen.

Damals: Zaren-Daten reisten exklusiv, aber die Mädchen waren alle IG-Metall

Sowohl das Internet als auch ich sind inzwischen alt genug, um miteinander nostalgische Erlebnisse haben zu können. Kürzlich z.B. erlaubte sich mein Mobilfunkanbieter das augenzwinkernde Späßchen, mir für ein aus Gründen angefallenes – man frage mich nicht, es spielten eine plötzlich internetlose Wohnung und ein höchst psychotisches, der Modemersatzlieferung auf kafkaeske Art unfähiges Paketunternehmen eine tragende Rolle – zusätzliches Datenvolumen von 100 Megabyte die durchaus kecke Summe von 2 Euro in Rechnung zu stellen. Da musste ich nostalgisch schmunzeln. Wann hatte das Gigabyte zuletzt 40 Mark gekostet? Das sind ja praktisch Vorkriegspreise! Welcher Krieg, das können historisch bewanderte Ausrechenfreaks jetzt gerne selber ausrechnen. Kleiner Tipp: Meinen Mobilfunkanbieter gab es damals noch gar nicht, Raider hieß noch nicht Twix und Handys hatten größtenteils noch so niedliche kleine Stummelantennen oben dran. Gigabytes waren noch gar nicht erfunden und mit einem Handy Daten zu übertragen, war etwas, das nur futuristische Star-Trek-Menschen mit viel Geduld taten, denn es war in der Regel langsamer, als wenn man sich die Nullen und Einsen einfach gegenseitig am Telefon vorgelesen hätte. Die Preise pro Kilobyte zeugten hingegen von pubertärem Selbstbewusstsein einer jungen Branche mit erstem Bartwuchs. Es kostete sogar noch erheblich mehr als das auch nicht gerade billige Telefonieren, welches man heutzutage ja praktisch schon als fipsige Dreingabe geschenkt bekommt, wenn man seine Gigabyte-Tarife zu Bratwurstpreisen einkauft. Damals jedoch waren Datenpäcken in den Handy-Netzen quasi Luxuspassagiere, die mit goldenen Kutschen und Kaviarverköstigung von Ort zu Ort chauffiert wurden, und so ähnliche Datenpakete musste ich dann wohl kürzlich auch unwissentlich verschickt haben – pelzgewandetete kleine Zaren-Daten, die in einem eigenen Orientexpress am sonstigen Digitalpöbel vorbeigeschleust wurden. Die Textnachrichten sahen allerdings aus wie immer. Taten sie auch damals schon.
Ich würde jetzt bei aller schmunzelnden Nostalgie nicht so weit gehen, jene Zeiten als “gute alte” zu bezeichnen, aber so rundweg schlecht waren sie jetzt auch nicht. Ich hatte damals als studentische Aushilfe bei Mannesmann Mobilfunk 18 Mark Stundenlohn und einen eigenen Parkplatz – so gut ging es mir danach sowohl lohn- als auch parkplatztechnisch lange Zeit nicht mehr. Meine nicht gerade geistige Überforderung generierende Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die von Mobilfunkkunden eingesandten Schriftstücke mithilfe rustikler Scanner-Ungetüme zu digitalisieren, auf dass sie für die Nachwelt erhalten blieben bzw. die “Zwölfzwölf” (dereinst gängiger liebevoller Terminus für die D2-Hotline) ihres Inhalts im Bedarfsfall ohne stundenlanges Papiergewühle habhaft werden konnte. Beeindruckende Türme gelber Postkisten voller erquicklicher Konvolute harrten täglich unser aller fleißiger Hände, und so manches Schmuckstück menschlicher Kreativität wie auch Abgründigkeit wurde einem da offenbar. Bis zum Sterbebett in Erinnerung bleiben wird mir wohl zum Beispiel jener schwer leserliche Faxzettel, auf welchem ein genervter Mitmensch um Zuteilung einer neuen Handynummer bat, da er unter der alten wiederholt Anrufe eines nicht ganz koscheren Individuums erhielt, welche offenbar diverse Analpenetrationspraktiken mittels stangenförmiger Nahrungsmittel, vornehmlich Mohrrüben, zum Inhalt hatten, und er sähe bereits sein – ich zitiere – “bis dahin ungetrübtes Verhältnis” zum Wurzelgemüse irreperabel zerrüttet und erhoffe sich schnellstmögliche Abhilfe, bevor erwähntes Individuum – und ich zitiere abermals – “seine erste Bratwurst im Arsch stecken hat”. Das ist zwar im Detail etwas unglaubwürdig – wer wie ich zu jener Generation gehört, die von waschechten Nachkriegsmüttern und deren fanatischer Hingabe an bis zur Unkenntlichkeit zerkochte Gemüsestampfnahrung jeglicher Art großgepäppelt wurde, kann niemals ein völlig ungetrübtes Verhältnis zu Wurzelgemüse entwickelt haben – aber lustig war es allemal, sich das vorzustellen.

Zudem hatte ich damals das Privileg, einem sog. Wirtschaftskrimi aus allernächster Nähe beiwohnen zu können, denn die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone war in vollem Gange, täglich erreichten uns interne, hochgeheime Emails von irgendwelchen hysterischen Betriebsräten, und Angestellte wie Aushilfen lungerten tagelang in hübschen kleinen Menschentrauben vor Bildschirmen mit Intranetseiten und Radios mit Lokalsendernachrichten und verfolgten die Fusion wie ein Tennismatch. Natürlich wollte kaum einer so einfach feindlich übernommen werden, es sollte noch dauern, bis Konzernfusionen zum Volkssport wurden und einschlägige Institute Schnupperkurse für interessierte Laien anboten. Rot-Grün hatte die steuerbefreite Unternehmensausweidung gerade erst erfunden, aber man ahnte bereits, dass das irgendwie alles nix Gutes bedeuten konnte. Nur die ganz Mutigen mit Zeitvertrag waren folglich für Vodafone, die hatten dann ihre eigenen, etwas abseits verorteten Menschentrauben. Den käsigen Engländer “von da drüben” mochte natürlich keiner, “unser” Klaus Esser galt abwechselnd als Kacketyp und Geheimwaffe. Von der SPD erwartete man schon damals nicht mehr allzu viel, auf die Gewerkschaft wiederum war ebenfalls kein Verlass, die hatte in diesem speziellen Fall nämlich gerade ganz andere Sorgen.
Denn wie vieles sonst war damals auch noch in der Schwebe, vor welcher Gewerkschaft Karren “wir Mobilfunker” denn nun eigentlich und schlussendlich zu spannen wären. Waren wir noch immer heimliche Stahlarbeiter (wg. Mannesmann) oder doch ausgebeutete Dienstleister (wg. Mobilfunk)? Es wurde erbittert gezankt, Promoteams der verfeindeten Gewerkschaften lieferten sich vor dem Kantineneingang hinter in feindseliger Nähe zueinander aufgebauten Aktionstischchen tagelang erbitterte Kugelschreiberverschenkungsgefechte. Eventuell kam es gegen Nachmittags auch zu Handgreiflichkeiten, da ist leider nichts verbrieft, aber denkbar wäre es. Es waren wilde Zeiten.
Mein bester Kumpel und ich gefielen uns gar sehr in der Rolle der politisch unzuverlässigen Partisanen ohne echtes Interesse an gewerkschaftlicher Fürsorge, dafür einer unerschöpflichen Aufgeschlossenheit gegenüber kostenlosem Krempel, und nahmen daher wohlfeil Kugelschreiber aus allen Richtungen entgegen, ohne jemals etwas damit zu unterschreiben. Vielmehr benutzen wir sie später dazu, bei saufseligen Kneipenabenden obszöne Zeichnungen auf den Rückseiten von Bierdeckeln anzufertigen. Viel lieber hätten wir sie natürlich galant irgendwelchen blumenschönen jungen Damen angereicht, damit diese damit ihre Telefonnummern auf die Bierdeckel schrieben, aber das kam leider äußerst selten vor. Wahrscheinlich hatten die Damen zuvor die Zeichnungen erblickt. Oder – nicht unbedingt naheliegend, aber auch nicht vollkommen ausgeschlossen – ich hatte zufällig gerade den Verdi-Kuli in der Hand, die Auserkorene hingegen war IG-Metall! Rummsbums, aus die Maus. Dabei hätte sie ja nur was sagen brauchen, und ich hätte aus der anderen Tasche den IG-Metall-Kuli hervorziehen können, und sie hätte ob meiner leicht verschwiemelten, aber in Summe doch hinreichend pragmatisch-schnauzbärtigen Partisanen-Art entzückt jauchzend ihre Nummer niedergeschrieben und wir wären mit den Taschen voller Kugelschreiber in eine damals übliche glückliche Zweisamkeitskiste enteilt. Wir waren jung. Wir hatten Handyempfang. Es hätte so schön werden können. Wurde es aber nicht. Die Mädels damals, alle IG-Metall? Man weiß es nicht. Es ist ja leider generell noch viel zu wenig erforscht, auf welchen Wegen die eher anonyme, weil weltenlenkerische Gewerkschaftspolitik mitunter konkreten Einfluss auf menschliche Einzelschicksale nimmt, dies daher als kleine Anregung für künftige Forschergenerationen. Sozusagen. Man steckt ja bekanntlich eh nich drin. Aber wird schon.

Sich zeitlebens für eine Willie entschuldigen müssen? Ein vermeidbarer Fehler!

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hätte ich nicht gedacht, so etwas jemals zu sagen, doch spätestens, nachdem ich nun “Rogue One” gesehen habe, beginne ich mir ernsthaft zu wünschen, Disney hätte das “Star Wars”-Franchise schon viel früher in die Finger bekommen. Kaum auszudenken, was für grandiose Filme Episode I-III womöglich hätten werden können, hätte man nur George Lucas dereinst rechtzeitig und konsequent von ihnen fern gehalten…
Aber darum soll es jetzt gerade mal nicht gehen. Eigentlich wollte ich nur ein bissl dahererzählen über einen ganz bestimmten Moment während des Films und ein kleines Häufchen von Gedanken, welches ich hinterher beim Aufräumen im Kopf als davon hinterlassen vorfand.
Es gibt da nämlich diese eine Stelle zu Beginn des dritten Aktes: Die titelgebend soeben zu “Rogue One” erklärte Rebellenschar hat sich nach allerlei Heckmeck zusammengefunden und den Ort erreicht, an dem die finale Ausübung ihres Rebellentums erfolgen soll. Kurzerhand wird in einem engen, stickigen Raumschiffinneren durch den heterogenen Haufen versammelter Stahlhelm-Gestalten hindurchgeschnitten, während in guter alter, militärisch knapper Kriegsfilm-Manier Namen und Zuständigkeiten heruntergerasselt werden, man kennt das ja: “Schmidt: Bomben! Mayer: Maschinengewehr! Müller: Doof rumrennen und nix kapieren und am Schluss erschossen werden! Schulze: Edeka wg. Kaffee und Kekse für nachher!” usw. Ganz am Schluss dieser klassischen Aufzählungssequenz landet die Kamera dann bei – Jyn Erso. Der Protagonistin des Films – heutzutage heißt es wohl “Female Lead” – und  einzigen Frau im Raum! Die Einstellung verharrt einen winzigen Augenblick auf der schweigenden Dame, die grimmigen Blicks an der Kamera vorbei in eine gewalttätige Zukunft schaut, obwohl sie als einzige keine explizite Aufgabe zugeranzt bekam – denn ihre stand schon längst fest, und es ist die schwierigste und gefährlichste von allen. Dennoch: Diese kurze Einstellung erzeugte eine Art Vakuum, und in dieses kam bei mir ein winziger sarkastischer Gedankensplitter hereingeplatzt und legte ihr folgenden Satz in den schweigenden Mund: “Ok, und ich … äh … steh einfach hier und sehe hübsch aus…”
Fast möchte ich vermuten, der Regisseur hat diesen Moment absichtlich eingebaut, um womöglich genau diesen Gedanken zu provozieren? Es wäre einer der subtilsten kleinen Geniestreiche der jüngeren Kinogeschichte.
Denn das massiv Ironische an diesem Gedankensplitter ist natürlich, dass Jyn Erso nun wirklich alles mögliche tut im Verlaufe des Films, aber nur rumstehen und hübsch aussehen gehört ganz sicher nicht dazu. Vielmehr ist sie von Anfang an Angelpunkt und treibende Kraft der Geschichte, und sie ist stets ohne zu zögern an vorderster Front dabei, wenn die Kacke auf den Ventilator trifft. Ich denke, ich setze mich keinen allzu großen Kontroversen aus, wenn ich sie einfach mal sowohl unter “tragende Figur” als auch “positives Rollenbild” verorte. Das letzte jedenfalls, was man ihr vorwerfen könnte, wäre dramaturgische Nutzlosigkeit – immerhin würde insbesondere das entscheidende letzte Drittel des Films ohne sie schlichtweg nicht stattfinden.
Warum also habe ich das dann überhaupt gedacht? Dazu muss ich wohl ein ganzes Stück zurückwandern in meiner persönlichen Sozialisation, in jene Zeit, als ich so ca. 12 Jahre alt war und entscheidende Teile meiner Erziehung frohgemut von den popkulturellen Errungenschaften jener Zeit übernehmen ließ, namentlich den hypermaskulinen Sonderfällen aus der Stallone-Schwarzenegger-Chuck-Norris-Kategorie oder den nur wenig dezenteren Kinoklassikern wie “Indiana Jones”, “James Bond”, “Quatermain”… you name it. Und in jenen Zeiten, die ich hier mal ganz bewusst und explizit nicht als “gute alte” gedacht wissen möchte, hatten Frauen in Filmen recht oft tatsächlich nicht viel mehr zu tun, als rumzustehen und hübsch auszusehen. Vielleicht noch, hin und wieder irgendwo eingesperrt zu werden oder sich vor Schlangen zu ekeln oder sowas. Der Bechdel-Test wurde nicht ohne Grund erfunden, und es gibt nicht ohne Grund so viele Filme auch und gerade aus jener Ära, die dabei mit wehenden Fahnen durchfallen.
Einer der Gründe, warum ich z.B. bei aller grundlegenden Sympathie für die Reihe und ihren Helden den Film “Indiana Jones und der Tempel des Todes” bis heute nicht ausstehen kann, ist die Tatsache, dass er mich in Gestalt von Wilhelmina “Willie” Scott mit einer der nervigsten und überflüssigsten Frauenfiguren aller Zeiten belästigt hat. Willies einzige Aufgabe bestand mehr oder weniger darin, mächtig blond und schreckschraubig-überkandidelt durch den Dschungel zu stöckeln und dabei ständig von irgendwas erschreckt oder von irgendwas anderem mit einer Waffe bedroht zu werden. Wenn das nicht der Fall war, nörgelte sie oder fiel irgendwo runter oder beides. Dafür war sie akustisch höchst präsent: gefühlte 90 Prozent der Zeit kreischte sie nur panisch oder schrie jemanden an. Sie war gewissermassen die endgültige Kulmination eines ganz bestimmten Typus von weiblichen Filmfiguren, denen mit dem schlichten Attestieren dramaturgischer Überflüssigkeit noch massiv geschmeichelt wäre. Wahrscheinlich bzw. hoffentlich wird sich auch Spielberg selber ob dieser inszenatorischen Verfehlung noch bis ins Grab hinein in Grund und Boden schämen. Scheinbar war ihm das ganze im Nachhinein sogar so peinlich, dass er die Darstellerin Kate Capshaw später aus lauter Verlegenheit geheiratet hat, um sich fortan für den Rest seines Lebens täglich dafür entschuldigen zu können.
Man darf sich an dieser Stelle ruhig kurz die Zeit nehmen, dieses Bild ein wenig atmen zu lassen, dafür sind solche zusammenphantasierten kleinen Textstellen ja schließlich da: Zuhause bei Spielbergs, das footballfeldgroße Schlafzimmer des Ehepaars. Es ist 6 Uhr in der Früh und ein unsichtbarer Wecker summt soeben eine dezente Weckmelodie – Film-Milliardäre stehen grundsätzlich mit den Hühnern auf, das weiß man ja. Steven Spielberg, inzwischen schon etwas ergraut, wälzt sich nochmal seufzend auf die andere Seite, dann entsinnt er sich seiner Pflichten, tastet im sanften Halbdunkel nach seiner Nickelbrille, setzt sie auf die Nase und dreht sich zu seinem Weibe herum. Ihr zärtlich über die Wange streichend sagt er, so wie jeden Morgen in den letzten 26 Jahren: “Guten Morgen, mein verehrtes Eheweib. Ich hoffe, du hast angenehm geruht. Und bitte entschuldige nochmals für die Rolle der Willie. Es wird nie wieder vorkommen.” Die solchermaßen Becircte wird freilich nun sanft mit den noch müden Augen blinzelnd seine Hand ergreifen und erwidern: “Schon gut, mein stolzer Gatte. Es ist ja nun schon über 30 Jahre her, und ich habe dir inzwischen schon beinahe verziehen, dass ich aufgrund der einzigen halbwegs erwähnenswerten Filmrolle meines Lebens dem gesammelten popkulturellen Bewusstsein für alle Zeiten als das menschliche Äquivalent einer quietschenden Drehtür im Gedächtnis bleiben werde.” Dann steht sie auf und geht Kaffee für sie beide machen, und wie immer wird Spielberg den Kaffee mit ein wenig Zimt und einer Prise Bitterkeit trinken, denn er weiß genau, dass er sich für den Rest seines Lebens allmorgendlich wird weiter entschuldigen müssen, bis einer von ihnen den Weg des Irdischen geht. Und selbst dann…
Nun – ich denke, für Jyn Erso wird sich so schnell wohl niemand bei Felicity Jones entschuldigen müssen. Denn ich entwickle derzeit allmählich die leise Ahnung, dass ich hier Zeuge eines der seltenen Fälle der positiven Ausnutzung von Marktmacht werde: Disney hat mit “Star Wars” eines der beliebtesten und umsatzstärksten Franchises aller Zeiten am Start und denkt vielleicht – wohl nicht ganz zu unrecht – sich in dieser Position durchaus ein paar Experimente erlauben zu können. Das ist jetzt der zweite Disney-Star-Wars mit einem expliziten Female Lead und dazu einem dezent aber eindeutig ethnisch diversen Drumherum-Cast. Angesichts der normalerweise zutiefst konservativen Stoffentwicklungs- und Besetzungspolitik Hollywoods (bzw. eines soeben zum Präsidenten gewählten ausgesprochenen Frauen-, Muslimen- und sonstige Ausländer-Hassers wie Donald Trump) könnte man die Entscheidung, einige der tragendsten und heroischsten Rollen mit einer Frau, einem Mexikaner, einem Araber und zwei Asiaten und die Rollen der Bösewichter ausschließlich mit alten weißen Männern zu besetzen, zumindest im Rahmen eines klassischen Blockbuster-A-Movie schon fast als subversiv bezeichnen. Zumindest aber als einen augenzwinkernden Schritt weg von der ängstlichen “Bloß die weißen Kerle nicht verärgern!”-Pfennigfuchserei, von der das US-Kino seit eigentlich immer schon maßgeblich bestimmt zu sein scheint. Eventuell denkt man sich bei Disney aber auch, dass es betriebswirtschaftlich letztendlich ein vertretbares Risiko darstellt, eventuell ein paar tausend allzu vergnatzte Frauenfeinde als Fans zu verlieren und dafür langfristig ein paar hundert Millionen bislang eher desinteressierter Frauen dazu zu gewinnen. Wenn das keine klassische Win-Win-Situation wäre, dann weiß ich nicht, was sonst.
Ich sollte vielleicht noch dazu erwähnen: Wir saßen im Kino mit einem alten Freund von mir sowie seinen beiden Söhnen, sie sind gerade mal 11 und 13 Jahre alt. Und ich möchte die beiden Jungs schon fast ein bisschen beneiden, nicht nur darum, mit was für grandiosen neuen Filmen sie aufwachsen dürfen, sondern auch, dass sie in einer so prägenden Phase ihrer Entwicklung von den Mainstream-Medien ein mitterlerweile wohl wenigstens etwas akzeptableres Frauenbild geboten bekommen, als das noch zu meiner Zeit der Fall war. Sie können einer Jyn Erso zusehen, wie sie dem Imperium in den Hintern tritt und so weiter – und brauchen darüber nicht weiter zu staunen. So ist das eben in der Welt: Frauen machen wichtiges Zeugs und sind gut darin. Ende der Geschichte.
In so einem Augenblick frage ich mich, ob es nicht hilfreich sein könnte, den derzeit aktiven Feministinnen kurz zuzurufen: “Hey, ihr großartigen Damen! Nur so eine Idee, aber… vielleicht ist euer aktuelles Abarbeiten an den mysogynen Volldeppen jenseits der 40 einfach nur eine Verschwendung kostbarer Zeit und Energie? Ich denke, wir können inzwischen davon ausgehen, dass dort keine allzu großen flächendeckenden Lerneffekte mehr zu erwarten sind. Wieso konzentrieren wir uns nicht stattdessen noch viel mehr auf die 12jährigen Jungs? Die Männer von Morgen? Junge Menschen, deren Weltbild erst noch dabei ist sich zu verfestigen? Wer weiß – wenn wir es schaffen, neben ihrem Alltag auch ihre mediale Welt nur mit genügend brauchbaren Frauenfiguren vollzupflastern, haben wir vielleicht irgendwann eine kommende Generation von Söhnen, Brüdern, Ehemännern und Vätern, für die es eine achselzuckende Selbstverständlichkeit ist, dass sich Männlein und Weiblein ohne viel Getue auf Augenhöhe begegnen. Dann wären auch endlich all diese albernen Männerrechts-Peinlichkeiten endgültig und tatsächlich nur noch die allmählich verpuffende letzte Sprechblase eines emotional wie intellektuell basisdefekten Haufens narzisstischer Randerscheinungs-Freaks, der sie eigentlich heute schon sind, nur hat es sich leider noch nicht ganz bis zu ihnen herumgesprochen.”
Und genau an diesem Punkt kämen dann wohl auch wir Schreibenden ins Spiel. Bzw. unsere Bereitschaft, an diesem Zupflasterungsgeschehen maßgeblich teilzuhaben. Man verstehe mich nicht falsch – ich verlange keineswegs, fortan ein jedes Werk zu einem explizit flammenden feministischen Manifest zurechtzudoktern. Das ist gar nicht nötig und vielleicht auch eher kontraproduktiv. Mit Honig fängt man bekanntlich mehr Fliegen als mit Essig. (Und wer jetzt sagt: “Ja, aber mit Scheiße noch viel mehr!”, dem sage ich: Ein Punkt für Logik. Zehn Punkte Abzug für schlimme Wörter! Etikette, Herrschaften! Echt jetzt mal.)
Lasst uns doch einfach nur packende Geschichten erzählen, in denen gut geschriebene Frauenfiguren tragende Rollen spielen dürfen. Kompetent, aber auch mit Fehlern, sie dürfen die Guten sein und auch die Bösen, oder auch irgendwas dazwischen. Nicht perfekt, aber dreidimensional und glaubwürdig. So wie echte Menschen eben. Lasst uns unsere weiblichen Charaktere genauso grandios, vielschichtig und lebensnah erschaffen, wie es die männlichen seit jeher schon sein durften. Lebendige, atmende Wesen, die zwar zufällig mit einer Inneninstallation rumlaufen, was allerdings so was von überhaupt kein irgendwie nennenswertes Kriterium für irgendwas darstellt. Eine Welt, in der das Erbe einer Jyn Erso zur Blüte kam und sich niemand mehr für eine Willie entschuldigen muss. Ich stelle mir vor, dass das klug und richtig wäre und eigentlich auch nicht so monströs schwer zu bewerkstelligen – wir brauchen eigentlich nur die Augen aufzumachen, denn die realen Vorbilder sind überall um uns herum. Einfacher geht es doch schon fast nicht mehr. Und wenn ausgerechnet Disney uns zeigt, dass es machbar ist… darf das Hoffnung machen? Ich denke: ja.

Herr Runkelrüb und Frau Scherbenbrot brauchen auch was zum Festhalten

Fakt ist, dass mir die Formulierung “Fakt ist” endgültig meterlang zum Hals raushängt. Nicht zuletzt, weil sie nur selten ein tatsächliches Dahersagen von echten Fakten einleitet. Selten um eine Ausrede verlegene Medienmenschen haben für dieses Phänomen kürzlich den nur gefühlt sinnvollen Fachterminus “postfaktisch” erfunden. Da weiß man jetzt auch nicht so recht, wie man das finden soll. Vielleicht präsentidiotisch? Zumal ja jetzt alle in bester Heiteitei-Manier blaß erstaunt so tun, als sei dieses Ungemach so ganz von selbst wie eine Naturgewalt oder Behördenvorschrift über uns gekommen, und nicht etwa schamlos dick gefüttert worden durch die seit Jahrzehnten wuchernden Legionen ehemaliger Hörsaalverstopfer, die – um es mit Max Goldt zu sagen – sich für eine richtige Arbeit Zeit ihres Lebens hoffnungslos überqualifiziert fühlen und deshalb „so irgendwie journalistisch unterwegs“ sind. Inzwischen haben sie das gesamte Internet einmal komplett vollgequakt, sind aber, wie ich fürchte, weit davon entfernt, es dabei zu belassen. Das raschelnde Geräusch, das Sie gerade hören, sind Medienmenschenärmel, die bereits wieder quer durch die Republik voller Schaffenskraft hochgekrempelt werden, auf dass der Content nicht versiege. Content ist übrigens der Medienmenschen-Fachterminus für „Sachen im Internet“, vornehmlich Sachen, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie wissen will bzw. selbst wenn man sie dann weiß, nicht wissen kann, ob man sie glauben darf, aber das spielt auch gar keine Rolle, denn da lugt ja schon der nächste flauschige kleine Inhalt um die Ecke und will gestreichelt werden und so ein Tag hat nun mal nur 24 Stunden, d.h. man belästige uns nicht mit Fragen!
Drollig ist der Begriff “postfaktisch” aber allemal, suggeriert doch das darin befindliche “post”, es habe da mal einen irgendwie vorher gelegenen Zeitpunkt gegeben, zu welchem es in Medienmacherei oder Politikbetrieb tatsächlich um brutalstehrliche, im Eiswassser wissenschaftlicher Überprüfbarkeit gehärtete Tatsachen gegangen sein müsse. Darauf entgegne ich mit einem anderen Fachterminus: Papperlapapp. Politiker sind ja bekanntlich schon aus systemimmanenten Gründen seit jeher Berufsopportunisten, Schleichekatzen und Aufmerksamkeitsmetzen, und auch die Medien haben eigentlich schon so lange ich denken kann einfach immer das geschrieben und gesendet, was ihnen gerade so in den Kram passte. Hauptsächlich, weil ihnen sowieso niemand so wirklich am Zeug flicken kann, solange nur die Zahlen stimmen. Der kürzlich erfolgte Umstieg von altmodischer Abo-Erschleichungs- zu direkter Onlineaufmerksamkeitsökonomie hat es nicht unbedingt besser gemacht.
Die unvermeidliche Grundnuttigkeit einer gleichmäßig multidimensionalen Anbiederung an wirklich jede existierende Zielgruppe sollte, wie ich finde, als Basisdilemma der Zunft bereits in Journalistenvorschulklassen in möglichst junge was mit Medien machen wollende Köpfe nachhaltig hineingetrichtert werden, auf dass ihnen klar werde, was sie da eigentlich besser nicht den ganzen Tag machen sollen. Jeder aber, der mehr als einmal nachfragen muss, was das denn überhaupt bedeuten soll, wird von den dozierenden Gatekeeper-Veteranen mit sanften Worten zum Ausgang und hinaus geführt in ein Leben als Zoowärter oder Faxgerätereiniger, in welchem man genauso gut ein Auskommen haben kann, ohne weiteren Schaden anzurichten.
Wer nun aber sagt, das alles sei aus diesen und jenen Gründen schlechterdings ohnehin unvermeidlich, dem unterstelle ich ganz frech einen beklagenswerten Mangel an Fantasie. Ich jedenfalls habe keine Probleme damit, mir beispielsweise auszumalen, wie das wäre, wenn man, einfach mal so spaßeshalber für ein paar Jahre, die Entlohnung der Inhalte machenden konsequent und öffentlich subventioniert von jeder Art prostitutionsfördernder Kennzahlen-Rechnerei entkoppelte und an ihrer Statt eine ebenso simple wie strikte Qualitätsökonomie walten ließe. Jedes Mediengebilde bekäme eine in Relation zur Größe gleiche Menge Geldes zugesprochen, dann wird monatlich genau aufgepasst, und für jede gelogene Schlagzeile, populistische Verdrehung oder dümmliche Clickbait-Entgleisung wird Geld abgezogen. So bliebe es ihnen ohne jede Einschränkung ihrer demokratischen Beweglichkeit komplett selbst überlassen, wieviel vom Budget sie am Ende so rausbekommen bzw. wieviel davon sie für Nachlässigkeit und übles Daherreden verjuxen wollen. Wer es gar zu doll treibt, muss dann halt am Letzten noch was draufzahlen. Ich prophezeihe hoffnungsvoll: Die BILD wäre nach einem Vierteljahr pleite. Bei den anderen könnte man dann hoffentlich mal sehen, wie viel Mühe sich plötzlich alle gäben bei Sachen wie Faktencheck und Vorabrecherche – die Kopfbenutzungsquote bei der Medienerschaffung könnte durchaus wieder Vorkriegsniveau erreichen.
Zur besseren Durchführbarkeit könnte man sich auch gleich noch dazu entschließen, dem Presserat endlich eine schwer und modern bewaffnete Exekutive zu spendieren, die im Ernstfall einer Rüge den nötigen Nachdruck zu verleihen imstande ist. Dann bekäme allerorten eventuell wieder bemühte Wahrhaftigkeit oder zumindest liebevoll selbst Ausgedachtes den Vorzug vor all dem unsäglichen Kram, den man derzeit einfach nur von irgendwelchen Leuten aus dem Internet abschreibt, schlimmstenfalls noch ergänzt um etwas redaktionellen Eigenunsinn. Denn ich bin ja kein Nörgelkolumnist, aber ich finde, man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass dieses Internet zu einem nur noch erheblich zu nennenden Maße von durchweg fürchterlichen Gestalten bevölkert ist, deren Gedanken man sich besser nicht zum Vorbild nimmt.
Man verzeiht mir hoffentlich diese soeben erfolgte kleine Verballhornung einer weit verbreiteten Blödsinnsformulierung. Sie lag halt grad so rum und wollte benutzt werden. Neuesten Erhebungen zufolge ist das leider der primäre Daseinzweck von Blödsinnsformulierungen.
Inzwischen sollte es jedem Menschen von Anstand und Bildung eigentlich geläufig sein, dass im Anschluss an einen Satzanfang wie “Ich bin ja kein Nazi, aber…” i.d.R. nur noch irgendwelcher Unsinn kommt. Dennoch ist gerade dieser extrem unprächtige Satz in verschiedenen Varianten praktisch überall zu lesen, von dem ihm angegliederten Phrasenschwein könnte man sich wahrscheinlich den Jupiter kaufen. Er ist ein bisschen wie diese ewig gleiche Endlos-Basslinie, die man hörte, wenn man in der 80er-Jahre-Jugenddisco aus Gründen, die Nicole oder Alexandra hießen, draußen vor der Tür stand, wo nur noch das Gestampfe hingelangt. Das ging auch immer nur dumpf-dumpf-dumpf-dumpf. An bestimmten Stellen im dumpf-dumpf sah man sich dann mit Nicole oder Alexandra verliebt in die Augen und murmelte: „Hör mal, Baby! Unser Beat!“ (Damals hatten wir Kids einen „Beat“. Bestenfalls einen „Song“. „Lieder“ wurden Musikstücke nur flüsternd im engsten Freundeskreis genannt, wo Uncoolness kein Thema war. Keine Ahnung, ob das heute noch so ist.) Da ging man dann wieder rein und hopste zusammen ein bisschen und alles war gut.
Und wahrscheinlich ist es mit bestimmten Sätzen und Gedanken einfach genauso. Da sitzen Herr Runkelrüb und Frau Scherbenbrot – er geschieden, sie verwitet, man hat sich halt so eingerichtet mit den Dingen, aber braucht ja dann doch mal was zum dran festhalten – am bürgerlichen Frühstückstisch, schlagen die ofenwarme Zeitung oder den morgendlichen Facebook-Kommentar auf, ihre Äuglein gleiten liebevoll über das ewig gleiche dumpf-dumpf, und an beliebiger Stelle können sie sich dann verträumt in die Augen blicken und sagen: „Guck mal, Schatz! Unser Ressentiment!“
So gesehen lässt sich auch mutmaßen, es handelt sich bei gewissen Phrasen inzwischen einfach um ein bewusst gesetztes Erkennungsmerkmal entsprechend gearteter Mitinsassen mit implizierter Anschluss-Suche. Man ist zwar doof, aber allein sein will da auch keiner, also hängen sie einfach ihr unbedarftes Kein-Dingsbums-aber-Geschreibsel aus dem Fenster, auf dass die gewünschte Sorte Vorbeikommender sofort erkenne: “Oha! Ein Bruder bzw. eine Schwester im Geiste! Lasst uns ihnen die Reichsbürgerschaft sowie Mitrumoren in mindestens zwanzig gleichartig bescheuerten Facebook-Rumgröhl-Gruppen andienen!” Und schon ist das Netzwerk der Doofen um eine hässliche Verknotung reicher.
Kann und soll man solche Leute loswerden? Und wenn ja, wie wäre das zu bewerkstelligen? “Alle Nazis ins KZ!” ist zwar als Formel recht fesch und hübsch radikal, leidet aber an massiver innerer Widersprüchlichkeit, taugt womöglich als Frühsport für tabulose Denker, ist ansonsten aber auch aus logistischer Sicht eher ein Albtraum. Man muss ja auch nicht immer gleich so drastisch sein. Die typische Handbewegung des gemäßigten Mittelstandes ist ja bekanntlich das Erstmal-ein-paar-Nummern-kleiner-anfangen. So könnte man sich dann auch einfach mal fragen, warum z.B. die Idee eines Internetführerscheins eigentlich dereinst so vorschnell wieder fallen gelassen wurde. Er käme nämlich unseren Doofe-Leute-Loswerden-Plänen gerade sehr zupass, entbehrt zudem auf höchst erfreuliche Weise jeglicher innerer Widersprüchlichkeit, eher im Gegenteil entpuppt sich seine Abwesenheit bei genauerer Betrachtung nachgerade als ein Versäumnis grotesken Ausmaßes, und wäre auch in der Durchführung nicht besonders kompliziert. Denn wenn wir uns hier immerhin mit einer Sache so richtig auskennen, dann ist es das Wesen rund um die heilige Trinität von Genehmigung, Zertifikat und Bescheinigung. Kaum ein Lebensgebiet, auf dem Existenzfähigkeit und Rumfuhrwerkerlaubnis nicht an das Vorlegen irgendwelcher gestempelter Zettel gebunden wäre, selbst korrektes Sterben geht ja nur noch mit dreifachem Durchschlag. Da nimmt es den Aufmerksamen nicht wenig wunder, dass ausgerechnet einige der grundlegendsten und gesellschaftlich relevantesten Verrichtungen – namentlich die Herstellung und Aufzucht von Kindern, das Bekleiden politischer Ämter sowie eben die unbeaufsichtigte Benutzung des Internets – nach wie vor ohne jeden Qualifikationsnachweis ausgeübt werden dürfen. Die überall beobachtbaren Ergebnisse sprechen eigentlich bereits Bände dafür, dass dies so nicht im Sinne des Erfinders sein kann. Auch und gerade ein honoriger Mensch wie Tim Berners-Lee dürfte angesichts dessen, was aus seiner putzigen kleinen Erfindung derweil so geworden ist, zu dem Schluss gelangen, dass man das mit der Demokratisierung auch übertreiben kann. Es beschwert sich ja auch niemand, dass allzu Doofe keine Flugzeuge steuern oder Kniescheiben operieren dürfen, obwohl das ja im strengsten Sinne auch nicht demokratisch ist, aber mit skalpellscharfen verbalen Entgleisungen am offenen Herzen des gesellschaftlichen Betriebssystems herumdoktern darf leider jeder, der fähig ist, sich richtig rum vor eine Tastatur zu setzen. Ich finde, das muss man ruhig noch sagen dürfen, dass das Kacke ist.
Es muss ja auch nix monströses sein – eine im ersten Schritt erfolgende Abfrage zivilisatorischer Grundfertigkeiten auf PISA-Niveau würde u.U. schon genügen, um die fahruntüchtigsten Exemplare direktemang auszusortieren. Man lässt die Probanden eine Stunde lang unter Laborbedingungen durch ein sorgfältig gestaltetes Test-Internet strawenzeln, anschließend dann einfache Prüfungsaufgaben wie die korrekte Zuordnung von drei verschiedenen Schlagzeilen zum jeweiligen Inhalt der Artikel. Ein launiges “Kondensstreifen oder Chemtrail?”-Foto-Quiz. Oder einfache Dreizeiler über Verspätungen bei der Bahn/unzureichendes Wetter in Skigebieten/Erhöhung der Fahrradmieten im niederländischen Grenzgebiet mit anschließenden Multiple-Choice-Kommentar-Möglichkeiten. Wer da dann irgendwas mit Negern oder “Danke, Merkel!” ankreuzt, der kriegt den “Lappen” halt erstmal nicht. Bzw. darf vorerst nur unter Aufsicht an die Maus und muss noch ein paar Stunden nehmen. “Betreutes Twittern” klingt doch auch gleich viel zivilisationskompatibler als das KZ-Ding. Irgendwo kann und sollte man ruhig mal anfangen.

Is fertig, ihr könnt jetzt guckääähn!

Ein jedes menschliche Tun hat irgendwann mal ein natürliches Ende. Man macht irgendwas, und irgendwann – pardautz! Ist man fertig damit! Passiert quasi ständig.

Der Fachterminus für “Is fertig, ihr könnt jetzt guckääähn!” heißt übrigens “Launch”, geht so aber nur mit Raketen und Webseiten. Bei allem anderen eher nich so.

Man stelle sich Muttern vor, so gegen 18 Uhr, hantierend mit Gewürzgurken und Leberwurstgerümpel, und wenn sie das Hantieren erledigt hat, lehnt sie sich aus dem Fenster und ruft in die Ödnis der Rappervideo-Wohngegend herab: “Roman! Dietlinde! Das Abendbrot ist drapiert und harret eurer! So eilet!” Passiert ja quasi ständig.

Selbst in den interessanteren Wohngegenden hingegen wird sie wohl kaum rufen: “Roman! Dietlinde! Hurtig jetzt, ich launche das redesignte Abendbrot!” So einen Quatsch sagt doch keiner… wie bitte? Das hört man doch überall die ganze Zeit? Überall wird dauernd Quatsch gesagt? Auch gut. Wenn das so ist, dann also: Roman und Dietlinde, aber auch Kevin und Vanessa und Dirk und Wanda und Ruth und Kaspar und auch all die anderen mit irgendwelchen Namen, so höret: Ich mache einen Launch meiner redesignten Webseite. Soll heißen: Is fertig, ihr könnt jetzt gucken!

Alles neu in 2017!

Mal wieder!

 

Mein Hang zum Martyrium ist ungebrochen, deshalb habe ich die ohnehin wenig glorreichen Feiertage einfach dazu genutzt, die zugegeben doch reichlich unschmucke olle WebsiteBaker-Homepage ins Staubeeckchen zu ramschen und mit einem funkelneuen WordPress nochmal von vorne anzufangen – zumindest optisch scheint sich der Aufwand wohl zu lohnen, und auch die Bedienung von WP sei ausdrücklich gepriesen. Es ist ein bisschen wie der Umstieg von Eselskarren auf 3er-BMW – macht Spaß! 😀

In diesem Sinne hoffe ich, ihr habt mit der neuen Seite ebenfalls Spaß – auf das 2017 für uns alle ein produktives und segensreiches Jahr werde!

X-Mas-Giveaway: “Killerlesben vom Jupiter greifen an” als kostenloses eBook!

HO-HO-HO! 🙂

usw.

Irgendwie ist schon wieder Weihnachten… wann ist das eigentlich passiert? War nicht eben noch Ende Juli? o.O

Egal. Ist halt schon wieder Erlösergeburtstag. So weit, so hoopy. Und weil ich ja ein lieber Mensch bin, schenke ich euch auch was. Und weil ich ein schreibender Mensch bin, ist es natürlich eine Geschichte. Und weil ich außerdem ein nicht ganz und gar grausamer Mensch bin, ist es eine explizit unweihnachtliche Geschichte, in der exakt Null Rentiere vorkommen, dafür aber jede Menge Sex, Rock ‘n’ Roll und außerirdische Superschneggis und so. Sie stammt noch aus meinen wilden Zeiten bei kurzgeschichten.de – entstanden aus einer einer für damalige Verhältnisse typischen “Wetten, du schaffst es nicht, eine total bescheuerte Story zu schreiben”-Autoren-Treffen-Challenge, welche damals gewohnheitsmäßig in jeder Menge wüster Textverarbeitung und peinlichen Momenten am folgenden Morgen endeten. Mäntelchen des Schweigens und so über die Details…

Wer sich über die Widmung wundern sollte: Gemeint war “Jack Torrance”, das damalige KG.de-Pseudonym von Thorsten Sträter, der stets ein dankbarer Sparringspartner für Bekloppte-Story-Duelle war. Damals hing man halt noch zusammen rum, soff importiertes Bier und hämmerte wilde Texte in die Landschaft wie nix Gutes. Heute tingelt er als Stand-Up (bzw. meistens wohl eher Sit-Down) Comedian durch die TV-Kanäle und hat im Starrummel die alten Mitstreiter pflichtgemäß vergessen. Es sei ihm gegönnt. Ist sicher allemal lustiger, als Blutkonservern über die A40 zu kutschieren… ihm und den alten Zeiten sei die Geschichte daher weiterhin gewidmet – so jung kommen wir nie wieder zusammen!

In diesem Sinne: Euch allen eine frohe Weihnacht und viel Spaß beim Lesen! 😀

 

Hier gehts zum Download:

“Killerlesben vom Jupiter greifen an”

(Formate: EPUB, MOBI, PDF // Creative Commons – BY – NC – ND German 4.0)

Was auf die Ohren!

Gibbet jetzt! Frisch eröffnet für Nachtschwärmer, Lesefaule und Hörbuch-Fans: Die HörBar! Hier gibt es in unregelmäßigen Abständen was zu hören … vor allem kurze Texte, die extra für diese Rubrik geschaffen und von mir eingelesen wurden (aka “Spoken Word Performances”). Aber offen für alles, Leseproben, Hörbuch-Fassungen meiner Geschichten etc. – die Möglichkeiten sind grenzenlos!

Als Eröffnungs-Drink an der Hör-Bar: Win_D – eine spontane Muse-macht-Nachtschicht-Sache – knapp zwei Stunden von der ersten Inspiration bis zum fertigen MP3. Booya! 😀

Gone Fishing – Free PDF

Gone Fishing – Download as PDF

This story has its roots in the late ’90s and is the only story so far I’ve ever written in English. In case you wonder how it came into being and what’s with the Alyson Hannigan affair and all… well, let me explain: It must have been around the year 2001, year five before youtube, so watching videos online wasn’t really that much of a thing yet, but with a little effort you still could find a lot of stuff about more or less everything and its cat. Then you started downloading and a couple hours later (Hello, foul dial-up demon!) – Bam! Video fun!

Among the videos I found these days was one dated from July 1999, showing the lovely and talented Alyson Hannigan (Yeah, right… like I was the only one having a crush on Willow back then…) being interviewed by Late Night legend Conan O’Brien, and it turned out definitely worth the hassle -it was hilarious! First Alyson talked a lot about her being probably the whitest person on earth and so on … all good harmless fun. And then she said – the thing! The Dolphin Thing! Something kinky about people in Hawaii having sex with dolphins… on television! Those were the wild days, kids! (If you don’t believe me, just read the entire interview here!) I heard this, and when I had finished laughing, inspiration struck me! People… dolphins … SEX! I sniffed a story in the wind…

Around 24 hours later the first draft was written down, and I was happy for about an hour or so. Then I read it again and started doing a lot of rewriting and browsing through my dictionary and all, and one year later the final version was finished. I typed an awkward letter, put it in an envelope, together with a printout of the story, sent it to Alyson’s fan mail address – and never heard of it again. That’s how the story goes, sometimes.

So, here we are, hardly fifteen years later, and since I can’t think of any better use for it, I simply give you this kinky little masterpiece for free. I’m a good person, right? RIGHT?!

Enjoy!

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