Herr Runkelrüb und Frau Scherbenbrot brauchen auch was zum Festhalten

Fakt ist, dass mir die Formulierung „Fakt ist“ endgültig meterlang zum Hals raushängt. Nicht zuletzt, weil sie nur selten ein tatsächliches Dahersagen von echten Fakten einleitet. Selten um eine Ausrede verlegene Medienmenschen haben für dieses Phänomen kürzlich den nur gefühlt sinnvollen Fachterminus „postfaktisch“ erfunden. Da weiß man jetzt auch nicht so recht, wie man das finden soll. Vielleicht präsentidiotisch? Zumal ja jetzt alle in bester Heiteitei-Manier blaß erstaunt so tun, als sei dieses Ungemach so ganz von selbst wie eine Naturgewalt oder Behördenvorschrift über uns gekommen, und nicht etwa schamlos dick gefüttert worden durch die seit Jahrzehnten wuchernden Legionen ehemaliger Hörsaalverstopfer, die – um es mit Max Goldt zu sagen – sich für eine richtige Arbeit Zeit ihres Lebens hoffnungslos überqualifiziert fühlen und deshalb „so irgendwie journalistisch unterwegs“ sind. Inzwischen haben sie das gesamte Internet einmal komplett vollgequakt, sind aber, wie ich fürchte, weit davon entfernt, es dabei zu belassen. Das raschelnde Geräusch, das Sie gerade hören, sind Medienmenschenärmel, die bereits wieder quer durch die Republik voller Schaffenskraft hochgekrempelt werden, auf dass der Content nicht versiege. Content ist übrigens der Medienmenschen-Fachterminus für „Sachen im Internet“, vornehmlich Sachen, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie wissen will bzw. selbst wenn man sie dann weiß, nicht wissen kann, ob man sie glauben darf, aber das spielt auch gar keine Rolle, denn da lugt ja schon der nächste flauschige kleine Inhalt um die Ecke und will gestreichelt werden und so ein Tag hat nun mal nur 24 Stunden, d.h. man belästige uns nicht mit Fragen!
Drollig ist der Begriff „postfaktisch“ aber allemal, suggeriert doch das darin befindliche „post“, es habe da mal einen irgendwie vorher gelegenen Zeitpunkt gegeben, zu welchem es in Medienmacherei oder Politikbetrieb tatsächlich um brutalstehrliche, im Eiswassser wissenschaftlicher Überprüfbarkeit gehärtete Tatsachen gegangen sein müsse. Darauf entgegne ich mit einem anderen Fachterminus: Papperlapapp. Politiker sind ja bekanntlich schon aus systemimmanenten Gründen seit jeher Berufsopportunisten, Schleichekatzen und Aufmerksamkeitsmetzen, und auch die Medien haben eigentlich schon so lange ich denken kann einfach immer das geschrieben und gesendet, was ihnen gerade so in den Kram passte. Hauptsächlich, weil ihnen sowieso niemand so wirklich am Zeug flicken kann, solange nur die Zahlen stimmen. Der kürzlich erfolgte Umstieg von altmodischer Abo-Erschleichungs- zu direkter Onlineaufmerksamkeitsökonomie hat es nicht unbedingt besser gemacht.
Die unvermeidliche Grundnuttigkeit einer gleichmäßig multidimensionalen Anbiederung an wirklich jede existierende Zielgruppe sollte, wie ich finde, als Basisdilemma der Zunft bereits in Journalistenvorschulklassen in möglichst junge was mit Medien machen wollende Köpfe nachhaltig hineingetrichtert werden, auf dass ihnen klar werde, was sie da eigentlich besser nicht den ganzen Tag machen sollen. Jeder aber, der mehr als einmal nachfragen muss, was das denn überhaupt bedeuten soll, wird von den dozierenden Gatekeeper-Veteranen mit sanften Worten zum Ausgang und hinaus geführt in ein Leben als Zoowärter oder Faxgerätereiniger, in welchem man genauso gut ein Auskommen haben kann, ohne weiteren Schaden anzurichten.
Wer nun aber sagt, das alles sei aus diesen und jenen Gründen schlechterdings ohnehin unvermeidlich, dem unterstelle ich ganz frech einen beklagenswerten Mangel an Fantasie. Ich jedenfalls habe keine Probleme damit, mir beispielsweise auszumalen, wie das wäre, wenn man, einfach mal so spaßeshalber für ein paar Jahre, die Entlohnung der Inhalte machenden konsequent und öffentlich subventioniert von jeder Art prostitutionsfördernder Kennzahlen-Rechnerei entkoppelte und an ihrer Statt eine ebenso simple wie strikte Qualitätsökonomie walten ließe. Jedes Mediengebilde bekäme eine in Relation zur Größe gleiche Menge Geldes zugesprochen, dann wird monatlich genau aufgepasst, und für jede gelogene Schlagzeile, populistische Verdrehung oder dümmliche Clickbait-Entgleisung wird Geld abgezogen. So bliebe es ihnen ohne jede Einschränkung ihrer demokratischen Beweglichkeit komplett selbst überlassen, wieviel vom Budget sie am Ende so rausbekommen bzw. wieviel davon sie für Nachlässigkeit und übles Daherreden verjuxen wollen. Wer es gar zu doll treibt, muss dann halt am Letzten noch was draufzahlen. Ich prophezeihe hoffnungsvoll: Die BILD wäre nach einem Vierteljahr pleite. Bei den anderen könnte man dann hoffentlich mal sehen, wie viel Mühe sich plötzlich alle gäben bei Sachen wie Faktencheck und Vorabrecherche – die Kopfbenutzungsquote bei der Medienerschaffung könnte durchaus wieder Vorkriegsniveau erreichen.
Zur besseren Durchführbarkeit könnte man sich auch gleich noch dazu entschließen, dem Presserat endlich eine schwer und modern bewaffnete Exekutive zu spendieren, die im Ernstfall einer Rüge den nötigen Nachdruck zu verleihen imstande ist. Dann bekäme allerorten eventuell wieder bemühte Wahrhaftigkeit oder zumindest liebevoll selbst Ausgedachtes den Vorzug vor all dem unsäglichen Kram, den man derzeit einfach nur von irgendwelchen Leuten aus dem Internet abschreibt, schlimmstenfalls noch ergänzt um etwas redaktionellen Eigenunsinn. Denn ich bin ja kein Nörgelkolumnist, aber ich finde, man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass dieses Internet zu einem nur noch erheblich zu nennenden Maße von durchweg fürchterlichen Gestalten bevölkert ist, deren Gedanken man sich besser nicht zum Vorbild nimmt.
Man verzeiht mir hoffentlich diese soeben erfolgte kleine Verballhornung einer weit verbreiteten Blödsinnsformulierung. Sie lag halt grad so rum und wollte benutzt werden. Neuesten Erhebungen zufolge ist das leider der primäre Daseinzweck von Blödsinnsformulierungen.
Inzwischen sollte es jedem Menschen von Anstand und Bildung eigentlich geläufig sein, dass im Anschluss an einen Satzanfang wie „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ i.d.R. nur noch irgendwelcher Unsinn kommt. Dennoch ist gerade dieser extrem unprächtige Satz in verschiedenen Varianten praktisch überall zu lesen, von dem ihm angegliederten Phrasenschwein könnte man sich wahrscheinlich den Jupiter kaufen. Er ist ein bisschen wie diese ewig gleiche Endlos-Basslinie, die man hörte, wenn man in der 80er-Jahre-Jugenddisco aus Gründen, die Nicole oder Alexandra hießen, draußen vor der Tür stand, wo nur noch das Gestampfe hingelangt. Das ging auch immer nur dumpf-dumpf-dumpf-dumpf. An bestimmten Stellen im dumpf-dumpf sah man sich dann mit Nicole oder Alexandra verliebt in die Augen und murmelte: „Hör mal, Baby! Unser Beat!“ (Damals hatten wir Kids einen „Beat“. Bestenfalls einen „Song“. „Lieder“ wurden Musikstücke nur flüsternd im engsten Freundeskreis genannt, wo Uncoolness kein Thema war. Keine Ahnung, ob das heute noch so ist.) Da ging man dann wieder rein und hopste zusammen ein bisschen und alles war gut.
Und wahrscheinlich ist es mit bestimmten Sätzen und Gedanken einfach genauso. Da sitzen Herr Runkelrüb und Frau Scherbenbrot – er geschieden, sie verwitet, man hat sich halt so eingerichtet mit den Dingen, aber braucht ja dann doch mal was zum dran festhalten – am bürgerlichen Frühstückstisch, schlagen die ofenwarme Zeitung oder den morgendlichen Facebook-Kommentar auf, ihre Äuglein gleiten liebevoll über das ewig gleiche dumpf-dumpf, und an beliebiger Stelle können sie sich dann verträumt in die Augen blicken und sagen: „Guck mal, Schatz! Unser Ressentiment!“
So gesehen lässt sich auch mutmaßen, es handelt sich bei gewissen Phrasen inzwischen einfach um ein bewusst gesetztes Erkennungsmerkmal entsprechend gearteter Mitinsassen mit implizierter Anschluss-Suche. Man ist zwar doof, aber allein sein will da auch keiner, also hängen sie einfach ihr unbedarftes Kein-Dingsbums-aber-Geschreibsel aus dem Fenster, auf dass die gewünschte Sorte Vorbeikommender sofort erkenne: „Oha! Ein Bruder bzw. eine Schwester im Geiste! Lasst uns ihnen die Reichsbürgerschaft sowie Mitrumoren in mindestens zwanzig gleichartig bescheuerten Facebook-Rumgröhl-Gruppen andienen!“ Und schon ist das Netzwerk der Doofen um eine hässliche Verknotung reicher.
Kann und soll man solche Leute loswerden? Und wenn ja, wie wäre das zu bewerkstelligen? „Alle Nazis ins KZ!“ ist zwar als Formel recht fesch und hübsch radikal, leidet aber an massiver innerer Widersprüchlichkeit, taugt womöglich als Frühsport für tabulose Denker, ist ansonsten aber auch aus logistischer Sicht eher ein Albtraum. Man muss ja auch nicht immer gleich so drastisch sein. Die typische Handbewegung des gemäßigten Mittelstandes ist ja bekanntlich das Erstmal-ein-paar-Nummern-kleiner-anfangen. So könnte man sich dann auch einfach mal fragen, warum z.B. die Idee eines Internetführerscheins eigentlich dereinst so vorschnell wieder fallen gelassen wurde. Er käme nämlich unseren Doofe-Leute-Loswerden-Plänen gerade sehr zupass, entbehrt zudem auf höchst erfreuliche Weise jeglicher innerer Widersprüchlichkeit, eher im Gegenteil entpuppt sich seine Abwesenheit bei genauerer Betrachtung nachgerade als ein Versäumnis grotesken Ausmaßes, und wäre auch in der Durchführung nicht besonders kompliziert. Denn wenn wir uns hier immerhin mit einer Sache so richtig auskennen, dann ist es das Wesen rund um die heilige Trinität von Genehmigung, Zertifikat und Bescheinigung. Kaum ein Lebensgebiet, auf dem Existenzfähigkeit und Rumfuhrwerkerlaubnis nicht an das Vorlegen irgendwelcher gestempelter Zettel gebunden wäre, selbst korrektes Sterben geht ja nur noch mit dreifachem Durchschlag. Da nimmt es den Aufmerksamen nicht wenig wunder, dass ausgerechnet einige der grundlegendsten und gesellschaftlich relevantesten Verrichtungen – namentlich die Herstellung und Aufzucht von Kindern, das Bekleiden politischer Ämter sowie eben die unbeaufsichtigte Benutzung des Internets – nach wie vor ohne jeden Qualifikationsnachweis ausgeübt werden dürfen. Die überall beobachtbaren Ergebnisse sprechen eigentlich bereits Bände dafür, dass dies so nicht im Sinne des Erfinders sein kann. Auch und gerade ein honoriger Mensch wie Tim Berners-Lee dürfte angesichts dessen, was aus seiner putzigen kleinen Erfindung derweil so geworden ist, zu dem Schluss gelangen, dass man das mit der Demokratisierung auch übertreiben kann. Es beschwert sich ja auch niemand, dass allzu Doofe keine Flugzeuge steuern oder Kniescheiben operieren dürfen, obwohl das ja im strengsten Sinne auch nicht demokratisch ist, aber mit skalpellscharfen verbalen Entgleisungen am offenen Herzen des gesellschaftlichen Betriebssystems herumdoktern darf leider jeder, der fähig ist, sich richtig rum vor eine Tastatur zu setzen. Ich finde, das muss man ruhig noch sagen dürfen, dass das Kacke ist.
Es muss ja auch nix monströses sein – eine im ersten Schritt erfolgende Abfrage zivilisatorischer Grundfertigkeiten auf PISA-Niveau würde u.U. schon genügen, um die fahruntüchtigsten Exemplare direktemang auszusortieren. Man lässt die Probanden eine Stunde lang unter Laborbedingungen durch ein sorgfältig gestaltetes Test-Internet strawenzeln, anschließend dann einfache Prüfungsaufgaben wie die korrekte Zuordnung von drei verschiedenen Schlagzeilen zum jeweiligen Inhalt der Artikel. Ein launiges „Kondensstreifen oder Chemtrail?“-Foto-Quiz. Oder einfache Dreizeiler über Verspätungen bei der Bahn/unzureichendes Wetter in Skigebieten/Erhöhung der Fahrradmieten im niederländischen Grenzgebiet mit anschließenden Multiple-Choice-Kommentar-Möglichkeiten. Wer da dann irgendwas mit Negern oder „Danke, Merkel!“ ankreuzt, der kriegt den „Lappen“ halt erstmal nicht. Bzw. darf vorerst nur unter Aufsicht an die Maus und muss noch ein paar Stunden nehmen. „Betreutes Twittern“ klingt doch auch gleich viel zivilisationskompatibler als das KZ-Ding. Irgendwo kann und sollte man ruhig mal anfangen.